Interview

Leif Ahrens im Gespräch mit Matthias Neumann und Reinhard Crasemann

“Es ist nie zu spät für’s Apfelbäumchen…”

Leif Ahrens (LA): Herr Crasemann, Herr Neumann, Sie haben die blue life consulting ins Leben gerufen. Warum kommt der, offensichtlich doch so notwendige, Umweltschutz in Wirtschaftsunternehmen so schwer in Gang?

Matthias Neumann (MN):  Unsere Mission ist es, Ökoaktivisten und die Wirtschaft stärker zusammenzubringen. Wer sich mit dem Thema Umwelt ernsthaft auseinandersetzt, muss konsequent denken und handeln. NGOs haben viele brilliante Strategien und Gedanken – aber die große Herausforderung ist, dass beide, Wirtschaft und NGO´s, dasselbe Ziel verfolgen. Und hier genau setzt die Arbeit von blue life consulting an. Wir sind der Vermittler zwischen Wissenschaft, NGO´s und der Wirtschaft, um Nachhaltigkeit glaubwürdig in Geschäftmodelle zu integrieren. Der Klimaschutz hat dabei, wie von der UN vorgegeben, die höchste Priorität. Mit dieser Herausforderung entstehen zugleich neue wirtschaftliche Chancen. Aus der notwendigen Nachhaltigkeitstransformation entsteht so ein gewaltiger neuer Markt. Sustainability is the new digital.

 

Matthias Neumann und Reinhard Crasemann im Interview mit Leif Ahrens als Podcast

LA: Ist dies Dilemma überhaupt lösbar? 

Reinhard Crasemann (RC): Eindeutig ja. Sie können ein Canon-Objektiv auf eine Sony-Kamera schrauben. Sie können einen deutschen Stecker in einer amerikanischen Steckdose versenken. Und sie können Wirtschaft und Umwelt auf dieselben Ziele einschwören. Alles was sie brauchen ist ein Adapter. Eine Verbindung, die unterschiedliche Zielstellungen so synchronisiert, dass am Ende alle Seiten miteinander besser dastehen als ohne einander. 

LA: blue life consulting ist der Adapter

RC: blue life consulting ist selbst ein Hybrid aus NGO und Wirtschaft. Das “blue life” im Namen steht für das gleichnamige, von visionären Unternehmern wie beispielsweise dem Starboard-Gründer Svein Rasmussen und politisch aktiven Wissenschaftlern wie Arne Fjorthoff gegründete NGO, das sich mit seinem ganzen Netzwerk einbringt. Und “consulting” ist schon heute das originäre Geschäftsfeld der meisten aktiven blue life consulting Partner. Die sind nämlich nahezu alle über andere Beratungsmandate ganz nah an der Wirtschaft und verstehen deren Sorgen, Bedürfnisse und Chancen.

LA: Dann ist blue life consulting also doch so etwas wie der “verlängerte Arm der Wirtschaft”, mit dem die Kritiker in Schach gehalten werden können?

MN: Die andere extreme Auslegung wäre: blc ist also nur das “trojanische Pferd der Umweltaktivisten” mit der deren Überzeugung in die Unternehmen geschleust werden. Und in der Tradition des Adapterbildes ist tatsächlich beides richtig. Sehen Sie, eine Sustainable Transformation ist dann – und nur dann – erfolgreich, wenn wir einen Weg für die Wirtschaft finden, auf dem mit aktivem Umweltschutz bessere Erträge erzielt können. Zum Beispiel weil es Kunden in sehr naher Zukunft echtes Geld wert sein wird, wenn der Hersteller eines Produktes nachhaltig denkt und handelt. Und wenn wir auf diesem Weg den Traum von Umweltorganisationen, CO2neutrale Unternehmen, ein Stück näher kommen, dann sind wir weiter als je zuvor. Aber wir denken noch einen Schritt weiter: durch die Kompensations-Konzepte beispielsweise in Myanmar entstehen Arbeitsplätze im Mangrovenanbau für Menschen, die sonst in Hotels arbeiten würden. Hotels für deren Strandzugänge die Mangroven abgeholzt werden müssten. Jetzt entstehen die beschriebenen Kreisläufe, die sowohl wirtschaftlich als auch umweltschützend nachhaltig wirken können.

LA: Klingt eigentlich ganz einfach – warum macht das bisher noch keiner?

RC: Wir glauben das die Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg ist. Wir wissen das Marken versuchen ihren Mehrwert in Qualität, Service und relevanter Emotionalität zu generieren. Ein Marken-Mehrwert, der für die Produkte der Marke ebenso wirkt, wie für die Marke als Arbeitgeber. Auch der Mitarbeitermarkt ist umkämpft wie nie zuvor. Wo können sich Marken heute relevant absetzen, einen echten Vorsprung erarbeiten? Wir glauben in der Sustainable Transformation. Mit jeder Nachrichtensendung wird dies Thema relevanter. Ein Thema das im übrigen von Natur aus völlig unverkrampft emotional ist.

LA: Wie genau muss man sich eine Sustainable Transformation vorstellen. 

MN: Plakativ formuliert ist die Transformation von einem umweltschädlichen hin zu einem mindestens umweltneutralen Unternehmen gemeint. Dabei werden verschiedene Stufen durchlaufen. Zunächst wird in einer Art Audit eine Bestandsaufnahme, die Ist-Situation, dokumentiert. Dies geschieht transparent nach zertifizierten und international anerkannten Standards. Dann wird gemeinsam mit dem Unternehmen ein realistisches langfristiges Konzept erstellt, dass die Klima-Neutralität zum Ziel hat. Auf dieser Basis werden Etappenziele definiert und mit Experten konkrete Massnahmenpläne erarbeitet. Eine der Massnahmen besteht aus der mindestens teilweisen Kompensation der aktuellen Schadensbilanz durch Investitionen in entsprechende Projekte. Eine “Grand-Jury” aus renomierten Wissenschaftlern beurteilt das Gesamtkonzept. Mit dem Kickoff der ersten Massnahme beginnt auch die Einbindung des Marketings und der Kommunikation. Wir sehen einen wichtigen Nutzenfaktor für das Unternehmen darin, die Menschen an der Transformation wirklich teilhaben zu lassen. 

LA: Nachhaltigkeit als Kaufargument? Ist das realistisch? 

RC: Der bessere Preis, der bessere Service, die bessere Qualität – alles Argumente die heute schnell vom Wettbewerb kassiert werden. Um bei den Menschen wirkliche Begeisterung auszulösen, muß der Aufwand schon extrem spektakulär sein. In der Regel sind dies bereits Hygienefaktoren, die sowieso stimmen müssen, um überhaupt als Kauf in Betracht gezogen zu werden. Bleibt das Thema Innovation. Das geht natürlich immer, wenn die Innovation stimmt. Aber was machen die restlichen 98% der Marken, die gerade keine neue Idee auf den Markt bringen? Ich sag Ihnen was: die stellen ihren Laden auf Nachhaltig um und erklären das man sich mit ihren Produkten auch ein Stück der eigenen Zukunft kauft. Der springende Punkt ist: sie müssen es wirklich und zwar objektiv nachvollziehbar tun. Am besten laden sie die Welt ein zuzuschauen und, wie eben erwähnt, mitzuerleben wie sie alles auf links ziehen. Das wird Menschen begeistern. Übrigens auch die eigenen Leute. Und es wird dauern bis dies zu einem Hygiene-Faktor avanciert. Früher oder später allerdings sind zwangsläufig alle dran. Und wer nicht mitmacht ist stirbt.

LA: Bei Ihnen klingt das alles so dringlich als würde unser Planet bereits am Abgrund stehen.

MN: Das können die Wissenschaftler am besten beurteilen. Aber mir fällt auf, dass noch nie so sorgenvolle Diskussionen bei ernstzunehmenden Wissenschaftlern, Politikerin und sogar bei Wirtschaftslenkern geführt wurden. Und mir fällt auf, dass die Menschen ebenfalls anfangen, sich zu Sorgen. Kreuz und quer durch alle Schichten und Altersgruppen. Und mir springen Bilder ins Auge, von vermüllten Ozeanen, abschmelzenden Gletschern, von Dürre und Unwettern und von Kriegen um Rohstoffe. Und noch etwas fällt auf. Menschen werden lauter – ob konkret für die Bienen in Bayern oder für das Klima als Fridays for Future in Europa oder als Kommandant  der internationalen Raumstation mit einer bewegenden Rede an seine Enkel. Steht unser Planet am Abgrund? Ich weiß es nicht. Leben wir über unsere Verhältnisse? Ganz sicher. Hier entsteht ein explosives Gemisch in den Herzen der Menschen, denen wir Produkte verkaufen wollen. Was ich beurteilen kann ist : Wenn die Stimmung kippt, kippt sie plötzlich. Da reicht eine Katastrophe- Fukushima zum Beispiel – und dann steht unsere Gesellschaft am Abgrund. Zu spät für unvorbereitete Marken. Die ist dann schon den berühmten Schritt weiter.

LA: Es mehren sich ja Stimmen, dass bereits umumkehrbare Effekte wirken, was bedeutet das für die Sustainable Transformation?

RC: Die Sustainable Transformation ist alternativlos. Alle werden sie durchleben müssen. Ob es, der umumkehrbaren Effekte wegen, bereits zu spät ist? Ich würde der Luther zugeschriebenen Empfehlung folgen und ein Apfelbäumchen pflanzen. Vielleicht geht die Welt übermorgen unter. Bis dahin habe ich die Hoffnung, dass wir es verhindern können. blue life consulting ist Angebot und Einladung an alle diesen Weg als win-win-win-Konstellation gemeinsam zu bestreiten.